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Warum Inzestkinder gesund sein können

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Quelle: Ilya Haykinson (Flickr: hopscotch) [CC-BY-SA-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

„Oh Gott das gibt blöde Kinder” ist eine häufige Reaktion auf Inzestbeziehungen. In Wirklichkeit werden Kinder aus Verwandtschaftsbeziehungen aber nicht zwangsläufig mit einer Fehlbildung oder Behinderung geboren.

In jeder Schwangerschaft liegt das Basisrisiko für das Auftreten einer angeborenen Fehlbildung oder Behinderung bei 2-4%. Bei drittgradig Verwandten wie Cousin-Cousin Grad I liegt es etwa doppelt so hoch, wie in der Allgemeinbevölkerung, also bei 4-8%. Das Basisrisiko für Geschwister, dessen Familienvorgeschichte in Bezug auf autosomal-rezessive Krankheiten unauffällig ist, liegt bei ca. 30%. Für zweitgradig Verwandte, also Halbgeschwister, liegt es im Bereich zwischen 15% und 20%. Geschwister tragen zur Hälfte die gleichen Gene in sich, Halbgeschwister haben durch den einen gemeinsamen Elternteil, ein Viertel Ihrer Gene gemeinsam.

Chromosom und DNA
Chromosom und DNA

Alle Gene befinden sich als festverdrillte Strukturen, welche als Chromosomen bezeichnet werden, im Innern des Zellkerns. In der Regel haben wir in den meisten Zellen 46 Chromosomen. Wir erben die Chromosomen von unseren Eltern, jeweils 23 von unserer Mutter und unserem Vater, sodass wir zwei Sätze von je 23 Chromosomen oder 23 Chromosomenpaare haben. Weil die Chromosomen aus Genen bestehen, erhalten wir zur Sicherheit zwei Kopien von den meisten Genen, je eine Kopie von jedem Elternteil.

Durch gemeinsame Gene erhöht sich das Risiko für eine autosomal-rezessive Erkrankung für ein gemeinsames Kind. Bei dieser Art von Erkrankungen besteht für die Kinder aber nur dann ein Risiko, die jeweilige genetisch bedingte Störung zu bekommen, wenn beide Eltern eine Mutation im gleichen Gen für die gleiche Störung haben und diese bei der Befruchtung aufeinander treffen. Solange ein Gen eines Chromosoms intakt ist, bricht die Erkrankung nicht aus, da das unveränderte Gen auf dem anderem Chromosom, die veränderte Kopie ersetzen kann. Wenn das auftritt, ist diese Person meist ein gesunder Anlageträger einer chromosomalen Störung oder Erkrankung. Anlageträger zu sein bedeutet, dass die Person von der Störung oder Erkrankung nicht betroffen ist, aber eine veränderte Kopie des Gens besitzt.

Es leuchtet ein, dass durch gemeinsame Gene bei Mann und Frau häufiger derselbe Gendeffekt aufeinander trifft und eine Erbkrankheit auslöst. Ein ähnlich hohes Risiko gilt aber auch für Menschen, die bereits unter einer autosomal-rezessiven Erkrankung leiden. Diese Personen besitzen zwei defekte Gene in beiden Chromosomen eines Paares. Das bedeutet, dass ein defektes Gen bei der Befruchtung sicher an das Kind vererbt wird. Ob das Kind unter derselben Erkrankung leidet, wie der Elternteil, mit der autosomal-rezessiven Erkrankung, hängt davon ab, ob der gesunde Elternteil Anlagenträger für denselben Gendeffekt ist und ob dieser ebenfalls vererbt wird oder nicht.

Autosomal-rezessiver ErbgangDie Mukoviszidose ist nach der Hämochromatose die häufigste angeborene Stoffwechselerkrankung hellhäutiger Menschen. Rund 8.000 Menschen leben zurzeit in Deutschland mit dieser bisher unheilbaren Erbkrankheit. Vier Prozent der deutschen Bevölkerung, also rund drei Millionen Menschen, sind gesunde Genträger, die das mutierte Allel weitervererben können. Jedes Jahr kommen in Deutschland rund 300 Kinder mit Mukoviszidose auf die Welt. Sind beide Elternteile Träger je eines mutierten und eines unveränderten Genes, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind zwei intakte Genkopien erhält, 25 %. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind mit einer intakten und einer mutierten Kopie zwar gesund ist, aber die Mutation weitervererben kann, ist 50 % und die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind erkrankt, also von beiden Eltern die krankmachende Variante erbt, beträgt ebenfalls 25 %. Die Lebenserwartung für erkrankte liegt heute bei etwa 35 Jahren. Für heute Neugeborene wird bereits ein Wert von 45 bis 50 Jahren angegeben. Die durchschnittliche Lebenserwartung gesunder Neugeborener beträgt für Jungen etwa 77 Jahre, für Mädchen um die 82 Jahre.

Es käme wohl trotzdem kein Mensch auf die Idee Menschen mit Mukoviszidose für ihren Kinderwunsch zu verurteilen, oder gar den Geschlechtsverkehr zu verbieten, um das Risiko neuer Erkrankungen zu minimieren.

Die heutige Pränataldiagnostik bietet ein großes Spektrum an Früherkennungsmöglichkeiten für chromosomale Strukturveränderungen. Hierzu gehören beispielsweise die Fruchtwasseruntersuchung, Chorionzottenbiopsie (CVS) und Amniozentese. Bei diesen Verfahren wird die Chromosomenstruktur des Kindes untersucht.

Um als Eltern herauszufinden, ob sie mögliche Anlageträger für autosomal-rezessive Erkrankungen sind, kann eine einfache Blutuntersuchung vorgenommen werden, bei der im Labor aus dem Blut gewonnene Zellen auf die Anordnung der Chromosomen hin untersucht werden.

Die Gesundheit der Bevölkerung taugt an dieser Stelle also wohl kaum als Begründung für § 173 StGB, der den Beischlaf unter Geschwistern verbietet.

Frauen deren Schwangerschaft als Risikoschwangerschaft eingestuft wird, haben ebenfalls ein erhöhtes Risiko für Kinder mit einer Fehlbildung oder Behinderungen. Ungefähr 20 Prozent der Schwangerschaften gelten als Risikoschwangerschaft.

Hierzu zählen Frauen die älter als vierzig Jahre sind oder Erstgebärende über sechsunddreißig Jahre sowie Frauen unter achtzehn Jahren. Bei älteren Frauen ist die Wahrscheinlichkeit einer Chromosomenstörung beim Kind höher. Frauen, die eine Mehrlingsschwangerschaft austragen oder Vielgebärende, die schon mehr als vier Kinder geboren haben, führen zu der Einstufung einer Risikoschwangerschaft. Vorangegangene Sterilitätsbehandlungen, Komplikationen bei früheren Geburten oder Frauen die schon Fehlgeburten hatten, tragen eine Risikoschwangerschaft nach sich. Auch wenn die Frau schon einmal per Kaiserschnitt entbunden hat, ist dies ein Risiko. Es gibt auch bestimmte Erkrankungen der Mutter die für eine Risikoschwangerschaft ausschlaggebend sind. Dazu gehören zum Beispiel: Diabetes, Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck der Mutter, ein Medikamenten-, Nikotin-, Alkohol- oder Drogenabusus der Schwangeren, akute sowie chronische Allgemeinerkrankungen oder Infektionen, Niereninsuffizienz, Gerinnungsstörungen oder eine Gebärmutterhalsschwäche. All das macht eine besonders intensive Überwachung der Schwangeren erforderlich.

Foto eines Babys mit Fetalem Alkoholsyndrom
Baby mit typischen Gesichtsmerkmalen des Fetalen Alkoholsyndroms: kleine Augen, glattes Philtrum, schmale Oberlippe

Nimmt man das Fetale Alkoholsyndrom als Beispiel, ist dies die häufigste Ursache für geistige Behinderungen, die nicht genetisch ist. Alkohol hat von den vielfältigen in der Schwangerschaft auf das Kind potentiell toxisch wirkenden Stoffen die größte Verbreitung und die größte gesellschaftliche Konsumakzeptanz. Ein FASD wäre durch verantwortungsbewusstes Verhalten der Schwangeren vollständig vermeidbar.

In Deutschland werden jedes Jahr etwa 10.000 Neugeborene mit Alkoholschäden zur Welt gebracht. Etwa 4000 von ihnen haben das Vollbild des fetalen Alkoholsyndroms und sind lebenslang körperlich und geistig schwerbehindert. In einer Studie der Charité gaben 58 % der befragten Schwangeren an, gelegentlich Alkohol zu trinken.

Angesichts dieser Zahlen, wäre es für viele aus emotionaler Sicht verständlich, alkoholkranken Frauen die Fortpflanzung zu verbieten. Aus juristischer Sicht wäre dies aber ein unverhältnismäßiger Eingriff in das Freiheitsrecht. Auch bei HIV-positiven Personen, die ihren Sexualpartner vor dem Geschlechtsverkehr über ihre Erkrankung in Kenntnis setzen, wird der Beischlaf, sowie die Fortpflanzung nicht unter Strafe gestellt und dies, obwohl hier ebenfalls eine immense Infektionsgefahr für Menschen und ungeborene Kinder besteht. HIV-positiven Menschen aufgrund ihrer Krankheit in ihrem Sexualleben einzuschränken, wäre wohl schlicht weg Diskriminierung. Warum in aller Welt wird es dann bei Geschwistern so gehandhabt?

Das Bundesverfassungsgericht hat die Beibehaltung des § 173 StGB unter anderem damit begründet, dass Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung bestehen würde. Angesichts der Tatsache, dass durch Medikamenten-, Nikotin-, oder Alkoholabhängige Frauen ein größeres Risiko für Kinder besteht, als für Kinder aus Inzest, ist dieses Argument absolut fragwürdig. Es zeigt lediglich, dass eine schwangere Alkoholikerin eher akzeptiert wird, als die Liebe die zwei Menschen füreinander empfinden.

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