7. § 173 StGB verbietet ein falsch verstandenes Tabu

Das Festhalten am Inzestverbot wird immer wieder damit begründet, dass Inzest ein althergebrachtes Tabu sei, das tief in der gesellschaftlichen Moral verankert sei. Das klingt ja zunächst mal plausibel. Inzest ist tabu, also praktizieren wir das besser nicht – besser noch, wir verbieten es. Ist ja auch logisch. Die Mehrheit der Bevölkerung findet Inzest abstoßend und ekelhaft, also brauchen wir unbedingt ein Gesetz, das Inzest verbietet. Und zwar eines, das Inzest selbst dann verbietet, wenn er niemanden schadet und wenn er unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt findet. Inzest ist einfach krank, abartig und gehört verboten. Basta!

Aber was wird da eigentlich tabuisiert? Was ist mit der ominösen Dunkelziffer und dem heimlichen Inzest? Was ist mit den Paaren, die unerkannt unter unbescholtenen Bürgern leben und verschweigen, dass sie eigentlich Inzestpaare sind? Niemand käme auf die Idee, bei denen etwas so abartiges wie Inzest zu erwarten. Dass eines der Paare, die RTL kürzlich zu “7 Tagen Sex” verdonnerte, ein Halbgeschwisterpaar war, übertraf jedenfalls schlichtweg die Vorstellungskraft der Produzenten. Wie kann das passieren? Wenn Inzest derart abartig und ekelhaft ist, wie kann ein ganzes Fernsehteam mit einem Inzestpaar über Wochen oder Monate zusammen arbeiten und nichts, aber auch überhaupt nichts bemerken?

Woran das liegt? Weil die Sache an sich völlig unspektakulär ist. Geschwister oder Halbgeschwister, die eine heimliche Inzestbeziehung führen, unterscheiden sich für Außenstehende nicht von anderen Paaren. Es riecht nicht nach Schwefel, wenn sie sich küssen und es tut sich auch nicht die Hölle unter ihnen auf, wenn sie Händchen haltend durch die Straßen laufen. Wer nicht weiß, dass es sich um Geschwister oder Halbgeschwister handelt, wird sie so wahr nehmen, wie er jedes Paar wahr nimmt. Dieses Bild verlangt nach einer Dramatisierung: Der inzestscheue Betrachter sieht dem Unheil direkt ins Auge, er sieht Bruder und Schwester in einer Situation, die eindeutiger nicht sein könnte, aber er ahnt nichts Böses. Wie kann das sein? Wie kann sich ein derart eklatanter Tabubruch so einfach im Alltag verlieren? Weil der Schalter für das Kopfkino noch nicht umgelegt wurde. Dafür braucht es das eindeutige Signal “Achtung: Inzest!”

Wenn das Kopfkino erst mal angelaufen ist, fühlt sich der Betroffene ins Bild gesetzt, aber er merkt nicht, dass er im falschen Film ist. Denn er sieht nicht mehr, was er vorher gesehen hat – ein Paar, das sich liebt – er sieht nur noch das, was er auf dieses Paar projiziert: Er sieht sich beim Sex mit einem Blutsverwandten und fühlt sich mies. Genau so fühlen sich extreme Gegner der Homosexualität, wenn sie über homosexuelle Paare nachdenken. Sie sehen nicht zwei Menschen, die sich lieben und ihr Leben miteinander teilen wollen. Sie sehen nur einen sexuellen Akt, den sie für sich selber abstoßend finden, also muss der Rest der Menschheit Ihr Urteil teilen.

Dabei verdanken wir alle einem Vorgang unser Leben, den die wenigsten in ihrem Kopfkino sehen möchten: Oder stellen Sie sich gerne Ihre Eltern beim Sex vor?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>