6. § 173 StGB schützt nicht, was er vorgibt zu schützen

Eines der häufigsten Argumente für die Beibehaltung des Inzestverbots ist der Schutz der Familie. Dieses Argument beruht in vielerlei Hinsicht auf falschen Annahmen. Diese folgen meist auf naheliegenden Missverständnissen, die sich leicht aus dem Weg räumen lassen. Das wohl größte Missverständnis ist, dass Inzest immer innerhalb von Familien statt findet. Dieser Trugschluss liegt nahe, wird doch Inzest als sexuelle Beziehung zwischen Blutsverwandten definiert. Nur ist der Umkehrschluss “Weil es sich um Blutsverwandte handelt, findet Inzest innerhalb von Familien statt” oft falsch. Bestes Beispiel sind die Nachkommen eines Samenspenders. Hier handelt es sich um Blutsverwandte, um Halbgeschwister, aber nicht unbedingt um Mitglieder der gleichen Familie. Wesentlich häufiger sind Fälle von Halbgeschwistern, die aus unterschiedlichen Beziehungen eines Elternteils stammen, nicht gemeinsam aufgewachsen sind und sich erst im Erwachsenenalter kennen gelernt haben. Wenn es hier zu einer Beziehung kommt, findet die nicht innerhalb einer Familie statt. Es gibt keine Familienstrukturen, die eine Inzestbeziehung in solchen Fällen zerstören könnte. Daher ist auch nicht nachvollziehbar, warum man die Betroffenen unter dem vermeintlichen Schutz der Familie mit dem Strafrecht droht. § 173 StGB bewirkt in solchen Fällen eher das Gegenteil: Er bedroht einvernehmliche Liebesbeziehungen, also das, was die Betroffenen als ihre Familie empfinden. § 173 StGB schützt nicht Familien, er zerstört sie.

Was ist, wenn Inzest doch innerhalb einer Familie vorkommt? Würde eine Abschaffung des Inzestverbots nicht Tür und Tor für jede Form von sexuellen Missbrauchs in Familien öffnen?

Klare Antwort: Nein. Dafür gibt es Gesetze, die weitaus mehr Fälle von Missbrauch innerhalb der Familie abdecken und diese auch wesentlich härter bestrafen. Wenn Väter ihre Söhne sexuell missbrauchen, wenn ein Bruder seine jüngere Schwester zum Oralverkehr zwingt, wenn der 16jährige Bruder mit seiner 14jährigen Schwester schläft – in all diesen Fällen kommt § 173 StGB überhaupt nicht zur Anwendung.

Welche falschen Vorstellungen über die Schutzwirkung des Inzestverbots bei vielen vorherrschen, zeigt dieser Blog-Beitrag einer Mutter:

Und das ist meine Meinung, Geschwister dürfen nicht, genausowenig wie Eltern mit ihren Kindern… Und ich mache riesige Unterschiede, denn gegen Schwule oder Lesben habe ich absolut nichts, und ich hätte auch kein Problem damit, wenn einer meiner Söhne irgendwann zu mir sagen würde, er wäre schwul oder würde einen Mann lieben, aber ich hätte ein Problem damit, wenn er seinen Bruder “sexuell” lieben würde… das ist für mich ein riesen grosser Unterschied…

Brüder dürfen schon heute schwule Inzestbeziehungen führen, davor schützt auch das Inzestverbot nicht, denn das bestraft nur den vaginalen Geschlechtsverkehr.

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