“Ein Fall von Inzest ist immer ein Skandal”

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Quelle: Lourdes Cardinal | Wikipedia

Wer gegen Tabus kämpft, kämpft gegen Windmühlen. Man denkt, man lebe in aufgeklärten Zeiten und könne wenigstens von gebildeteten Menschen erwarten, aus der Überwindung alter Tabus etwas gelernt zu haben. Wie lange ist es her, dass es als Skandal galt, wenn ein Mann einen Mann liebte? Heute tritt man eher ins Fettnäpfchen, wenn man über Homosexuelle die Nase rümpft. Die Menschheit ist offensichtlich lernfähig – auch wenn es um Tabus geht. Dennoch tun sich manche Gelehrte mit dem Inzesttabu sehr schwer.

Claudia Jarzebowski ist Junior-Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit und Historische Emotionenforschung an der Freien Universität Berlin. Bei der Anhörung des Ethikrates zum Inzestverbot war sie die einzige geladene Referentin, die sich deutlich für eine Beibehaltung des Inzestsverbotes aussprach. Ihre durchaus gelehrte und eloquente Begründung brachte Jarzebowski prompt eine Nominierung für den “Hegel-Preis für Mißachtung der Logik” des Internetblogs “Die Wahrheit über die Wahrheit” ein, den sie mit ihrem “beherzten Das war aber schon immer so” auch gewann.

Wie schlecht es um die Argumente für eine Beibehaltung des Inzestverbots steht, zeigt ein Beispiel aus der Schweiz. Dort steht das Gesetz gegen die Blutschande gerade auf dem Prüfstand. Der Schweizer Bundesrat erwägt, das Inzestverbot im Rahmen einer umfassenden Gesetzesrevision aufzuheben. Dass man das überhaupt in Erwägung zieht, erscheint dem Berner Beziehungsforscher Prof. Dr. phil. Heinzpeter Znoj unverständlich. “Das Inzestverbot ist eine kulturelle Universalität. Auf der ganzen Welt gilt das Exogamiegebot, dass also ausserhalb der Familie geheiratet werden muss.” äußerte er im Interview mit dem Migrosmagazin.ch. Seine Argumente für eine Beibehaltung des Inzestverbotes zielen in die gleiche Kerbe, wie die Begründungen von Dr. Jarzebowski vor dem Ethikrat:

Die Aufhebung des Inzestparagrafen wird unter anderem damit begründet, dass er kaum zur Anwendung kommt.
Das ändert nichts an der Tradition, an der Sitte, am gesellschaftlichen Tabu. Ein Tabu, das hochwirksam ist. Ein Fall von Inzest ist immer ein Skandal. Das soll sich im Gesetz manifestieren.
Tatbestände wie Vergewaltigung, Schändung, Nötigung, Sex mit Minderjährigen und Schutzbefohlenen würden strafbar bleiben.
Selbst einvernehmlicher Inzest zwischen Erwachsenen wird von Aussenstehenden als Skandal empfunden.
— Quelle: migrosmagazin.ch

Dieser Argumentation kann man natürlich nichts entgegen setzen. Wenn es von Außenstehenden als Skandal empfunden wird, dann hat man das gefälligst zu respektieren. Dann ist das so. Basta! Wo kämen wir denn hin, wenn jeder selbst entscheiden dürfte, wen er liebt? Prof. Dr. phil. Heinzpeter Znoj hat zwar Verständnis dafür, dass betroffene Paare das Inzestverbot als ungerecht empfinden. Aber was bedeutet das schon, wenn es um die Aufrechterhaltung von Tradition, Sitte und gesellschaftliche Tabus geht? Würde nicht auch diese Begründung in den Kanon traditionsbewusster Argumente passen:

“Diese Umstände rechtfertigen die Feststellung, daß auch heute noch das sittliche Empfinden den Inzest verurteilt. Einzelne gegenteilige Äußerungen, vorwiegend aus interessierten Kreisen, kommen demgegenüber nicht in Betracht, jedenfalls haben sie eine Änderung des allgemeinen sittlichen Urteils nicht durchsetzen können.”

Zugegeben, dieses Zitat ist ein Fälschung. Mit diesen Worten wies das BVerfG 1957 die Beschwerde eines Homosexuellen gegen § 175 StGB zurück. Interessant sind die Umstände, auf die das BVerfg sich damals bezog. Das Zitat ist etwas lang, aber aus heutiger Sicht sehr erhellend. Wer sich nicht durch das ganze Zitat kämpfen möchte, kann sich auf die hervogehobenen Passagen beschränken.

Ein Anhalt dafür, daß die Homosexualität als unsittlich angesehen wird, ergibt sich daraus, daß die Gesetzgebung in Deutschland sich zur Rechtfertigung der Bestrafung der gleichgeschlechtlichen Unzucht stets auf die sittlichen Anschauungen des Volkes berufen hat. Schon die Motive zu dem Entwurf eines Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Bund von 1869 führen aus:

“Der § 173 hält die auf Sodomie und Päderastie im Preußischen Strafgesetzbuche angedrohte Strafe aufrecht. Denn selbst, wenn man den Wegfall dieser Strafbestimmungen vom Standpunkte der Medizin, wie durch manche der, gewissen Theorien des Strafrechts entnommenen Gründe rechtfertigen könnte; das Rechtsbewußtsein im Volke beurteilt diese Handlungen nicht blos als Laster, sondern als Verbrechen, und der Gesetzgeber wird billig Bedenken tragen müssen, diesen Rechtsanschauungen entgegen Handlungen für straffrei zu erklären, die in der öffentlichen Meinung als strafwürdige gelten. Die Beurteilung solcher Personen, welche in dieser Weise gegen das Naturgesetz gesündigt, dem bürgerlichen Strafgesetze zu entziehen und dem Moralgesetze anheim zu geben, würde als ein gesetzgeberischer Mißgriff getadelt werden.”
An dieser sittlichen Wertung hat sich in der Folgezeit nichts geändert. So sagt die Begründung zu § 325 des Entwurfs von 1919:
“Der Forderung, die Unzucht zwischen Männern an sich straflos zu lassen, gibt der Entwurf ebenso wie die früheren Entwürfe nicht nach. Verfehlungen dieser Art erscheinen dem gesunden Empfinden des Volkes verwerflich und strafwürdig …;”

In ähnlicher Weise begründen der amtliche Entwurf eines allgemeinen Deutschen Strafgesetzbuches von 1925 und der am 14. Mai 1927 dem Reichstag vorgelegte Entwurf (RT III/1924 Drucks. Nr. 3390) die Beibehaltung einer dem § 175 (aF) StGB entsprechenden Strafvorschrift wie folgt:

“… Der Gesetzgeber muß sich die Frage vorlegen, ob der § 175 nicht trotz der Härten, zu denen seine Anwendung führen kann, und trotz seiner beschränkten praktischen Durchführbarkeit eine Schranke bedeutet, die man nicht ohne Schaden für die Gesundheit und Reinheit unseres Volkslebens hinwegziehen darf. Dabei ist davon auszugehen, daß der deutschen Auffassung die geschlechtliche Beziehung von Mann zu Mann als eine Verirrung erscheint, die geeignet ist, den Charakter zu zerrütten und das sittliche Gefühl zu zerstören. Greift diese Verirrung weiter um sich, so führt sie zur Entartung des Volkes und zum Verfall seiner Kraft …”

Diese Umstände rechtfertigen die Feststellung, daß auch heute noch das sittliche Empfinden die Homosexualität verurteilt. Einzelne gegenteilige Äußerungen, vorwiegend aus interessierten Kreisen, kommen demgegenüber nicht in Betracht, jedenfalls haben sie eine Änderung des allgemeinen sittlichen Urteils nicht durchsetzen können.
– Quelle: http://www.servat.unibe.ch/dfr/bv006389.html (Hervorhebungen durch Team 173)

Man mag es fast nicht glauben, dass es sich da um das gleiche Bundesverfassungsgericht handelt, das in letzter Zeit die Bundesregierung in Fragen der Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare ziemlich unter Druck gesetzt hat. Heute würde niemand mehr so argumentieren – religiöse Extremisten vielleicht ausgenommen. Ganz vom Tisch sind diese Denkmuster aber nicht. Sie tauchen dort wieder auf, wo noch nicht überwundene Tabus Fragen aufwerfen, die eigentlich schon längst beantwortet sind.

Prof. Dr. phil. Heinzpeter Znoj fragt sich, was sich in unserer Gesellschaft geändert hat, dass man eine Aufhebung des Inzestsverbots überhaupt in Erwägung zieht. Die Frage kann er nur rhetorisch meinen – oder hat er den Wandel wirklich nicht mitbekommen?

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