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Inzest? Igitt! Wie kann man nur?

Ekel, Panik, Inzestscheu – aber warum eigentlich?

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Quelle: Lies Thru a Lens | Wikipedia

Wie bekloppt muss man eigentlich sein, um sich in seine Schwester oder seinen Bruder zu verlieben? Ich bin mir sicher, dass viele, die sich auf unsere Seite verirrt haben, sich diese oder ähnliche Fragen stellen. Irgendetwas mit uns Betroffenen muss ja wohl nicht stimmen, dass wir uns auf Beziehungen einlassen, die man bei gesundem Menschenverstand nur als krank, abartig und völlig wider die Natur bezeichnen kann. Was für ein verdrehtes Gefühlsleben muss jemand haben, der auf Sex mit Blutsverwandten steht? Da schüttelt sich doch jeder normal empfindende Mensch vor Ekel. Das ist doch einfach nur krank.

Ich kann verstehen, dass man das so sieht. Vor ein paar Jahren hätte ich das wohl nicht anders gesehen. Ich habe mich nie intensiv mit dem Thema Inzest beschäftigt, weil ich nie auf die Idee gekommen wäre, dass mich das Thema in irgend einer Form betreffen könnte. Wenn ich damals in der Presse oder im Fernsehen was über Inzestfälle gehört habe – z.B. den Fall von Patrick S. und Susann K. aus Leipzig – dann registrierte ich das mit distanzierter Abscheu und dem mitleidigen Desinteresse desjenigen, dem so etwas ja nie selber passieren könnte. “Arme Schweine” dachte ich – und beschäftige mich dann mit etwas anderem.

Ich hatte Geschwister, mit denen ich zusammen aufgewachsen bin und die für mich als Sexualpartner absolut nicht in Betracht kamen. Niemals! Auf keinen Fall! Igitt! Wie kann man nur? Es geht hier gar nicht darum, diejenigen, die Inzestscheu gegenüber ihren Geschwistern, Eltern, Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten usw. haben, zu verdammen. Es geht hier auch nicht darum, Inzest als neues Beziehungsmodell zu etablieren, mit dem die natürliche Inzestscheu und der Ekel vor Sex mit nahen Verwandten als niedere Motive einer überkommen Sexualmoral diskreditiert werden sollen. Es ist völlig normal und überhaupt nicht verwerflich, beim Gedanken an Sex mit Bruder und Schwester Scheu oder Ekel zu empfinden.

Es ist aber auch normal, wenn man in ganz bestimmten Situationen, die eben nicht ganz so normal sind, völlig anders empfindet. Das passiert zum Beispiel dann, wenn man als erwachsener Mensch zum ersten Mal seinem Halbbruder oder seiner Halbschwester begegnet. Wer das noch nie erlebt hat, kann vielleicht gar nicht nachvollziehen, was für ein merkwürdiges Gefühl das ist. Man trifft auf einen wildfremden Menschen, der einem dennoch sofort vertraut ist.

Die Wissenschaft hat sich mit diesem Phänomen schon beschäftigt und es gibt mehrere Erklärungsansätze für das Phänomen, dass die natürliche Inzestscheu nicht greift, wenn sich z.B. Halbgeschwister im Erwachsenenalter begegnen. Aber darum soll es an dieser Stelle nicht gehen, das wird hier auf hundertdreiundsiebzig.de noch oft genug Thema sein.

Ja, wir sind ein bisschen bekloppt. So wie alle Verliebten ein wenig bekloppt sind. Vielleicht sind wir auch einen Hauch bekloppter als andere, weil wir für unsere Liebe ein nicht unerhebliches Risiko auf uns nehmen. Aber diesem Risiko sind wir uns bewusst. Wir wissen auch, dass viele unsere Beziehungen für krank und falsch halten. Aber was sollen wir mit solchen Vorwürfen anfangen, wenn wir selber das Gefühl haben, unser Lebensglück gefunden zu haben? Wir sind glücklich. Wir schaden uns nicht und auch sonst keinem? Warum sollten wir dieses Glück aufgeben, nur weil andere Menschen es nicht verstehen?

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