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Ein Skandal, der keiner werden wollte

Was kann einem Sender besseres passieren, als mit dem passenden Skandal für Gesprächsstoff in den Kantinen und Kaffeeküchen der Nation zu sorgen? Die RTL-Sendung “7 Tage Sex” war ein müder Versuch, mit dem Thema ‘Sex’ das verschnarchte Format “Reality-TV” neu zu beleben, bis die Realität dann doch für einen kurzen Windhauch an Aufmerksamkeit in der Medienlandschaft gesorgt hat. Eines der gefilmten Paare, die von RTL zu sieben Tagen Sex verdonnert wurden, um ihre Beziehung zu retten, passte zwar nach Augenschein ins Konzept der Sendung, aber die Realität ist dann doch oft einen Hauch bunter, als es sich die Macher des Reality-TV vorstellen können:

“Selbst mit viel Fantasie wären wir niemals darauf gekommen, dass ein Halbgeschwister-Paar sich bei ‘7 Tage Sex’ bewirbt – das übersteigt schlichtweg unsere Vorstellungskraft.”
- Inga Leschek, Geschäftsführerin der Produktionsfirma ‘Tresor’ gegenüber DWDL

Es ist eigentlich schade, dass dieser “Skandal” so früh aufgeflogen ist. Denn was angeblich “schlichtweg die Vorstellungskraft übersteigt”, ist für so ziemlich jeden Beobachter solange völlig normal, wie er meint, es ginge um ein ganz normales Paar. Inzest ist ein tief in der Gesellschaft verankertes Tabu, aber es ist auf sich selber angewiesen, um überhaupt als Tabu wahrgenommen zu werden. Inzestpaare wirken i.d.R. nicht von sich aus antößig, man benötigt die Zusatzinformation, dass es sich um Inzestpaare handelt, um die Nase rümpfen und sich ein abfälliges Urteil bilden zu können. Inzestpaare repräsentieren auch nicht die Ängste von Menschen mit einer starken Ablehnung gegenüber Inzest, so wie homosexuelle Paare die Ängste von Homophoben repräsentieren. Sobald sich ein Unbeteiligter als Akteur in die Situation hinein denkt, ist es kein Inzest mehr. Es sei denn, er stellt sich vor, mit einem seiner eigenen Geschwister Sex zu haben, aber dann stellt er sich etwas ganz anderes vor als das, vor dem er sich angeblich ekelt.

Inzest ist nicht übertragbar. Er bleibt in der Familie.