Kategorie-Archiv: Artikel

Bundesarchiv, B 145 Bild-F080597-0004 / Reineke, Engelbert / CC-BY-SA

“Ein bemerkenswerter Ausrutscher”

Im aktuellen Spiegel (Der Spiegel. Nummer 32/2014, 4. August 2014, Seite 22) äußert sich der Vorsitzende Richter beim Bundesgerichtshof, Thomas Fischer, am Rande eines Interviews über die Reformpläne des Bundesjustizministers auch zum Thema Inzestverbot. Es handele sich beim Inzest um eine freiwillige, einverständliche sexuelle Betätigung zwischen verständigen Menschen, aus die sich der Staat laut Fischer herauszuhalten habe.

Was zur Legitimation von Strafverfolgung ins Feld geführt wird, hält aus Sicht des Rechtswissenschaftlers und Richters einer rationalen Betrachtung nicht stand. Das Argument, es ginge um den Schutz der Gesundheit potenziell entstehender Kinder, weist Fischer als empörend und mit dem Hinweis auf andere Schwangerschaftsrisiken zurück, die nicht strafrechtlich verfolgt werden. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes im Fall Patrick S. (siehe auch Endrik Wilhelm: “Die Kardinalfrage”) bewertet er so…

“Das Urteil zum Inzest ist ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Ausrutscher unseres Bundesverfassungsgerichts. In der Sache ist der Inzest ein sehr gutes Beispiel dafür, dass ein Straftatbestand, der im Laufe der Zeit durch Veränderung aller gesellschaftlichen Verständnisse sinnlos und daher illegitim geworden ist, nicht länger aufrechterhalten werden sollte.”

Den Link zum vollständigen Interview werden wir nachreichen, sobald der Artikel im Online-Archiv des Spiegels verfügbar ist.

“So etwas wie euch darf es nicht geben!”

“Ein Mann und eine Frau werden ein Paar, Aber sie müssen ihre Gefühle verbergen – denn sie sind Halbgeschwister. Gemeinsame Kinder wollen sie nicht. Warum nur ist ihre Beziehung strafbar?”

…diese und andere Fragen stellt der Artikel “Eine sakandalöse Liebe” von Johannes Roß, der in der aktuellen Ausgabe des Stern (28.05.2014) erschienen ist.

Der Artikel beschreibt eindringlich die Geschichte eines Geschwisterpaars, das sich erst im Erwachsenenalter kennen und schließlich lieben gelernt hat. Vom ersten Zögern, sich auf die Beziehung einzulassen, über verständnislose Reaktionen (“So etwas wie euch darf es nicht geben!”) bis zu dem schwarzen Tag, an dem der Brief von Staatsanwaltschaft im Briefkasten liegt, zeigt der Artikel auf vier Seiten das Tabuthema Inzest von einer Seite, der in den Medien selten so viel Platz eingeräumt wird.

Es bleibt zu hoffen, dass der Artikel viele Leser findet und dazu beiträgt, überkommene Vorurteile aus der Welt zu schaffen.

Der kleine Akif und die böse Welt der Andersliebenden

Thilo Sarrazin war gestern, der neue Star am Himmel des konservativen Wutbürgertums heißt Akif Pirinçci. “Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer” heißt sein aktueller Bestseller. Um Katzen geht es diesmal nicht, eher um die vernachlässigten Seelen der Unverstandenen, Deutschtümler, Moralisten und Verfechter des guten alten traditionellen heterosexuellen Machotums. Alles Gruppen, von denen man lange nichts mehr gehört hat, aber von Akif Pirinçci gekrault hallt ihr Schnurren plötzlich lautstark übers Land. Endlich darf man wieder offen homophob sein. Früher gehörte das zum guten Ton an jedem Stammtisch, aber heute darf man ja gar nichts mehr. Aber ganz sicher war sich Pirinçci da wohl doch nicht, darum ging er in seiner Leseprobe (die man auf einschlägigen Seiten nachlesen kann, für die hier keine Werbung gemacht werden soll) auf Nummer sicher und bediente sich eines Themas, das immer zieht: Inzest.

“Ja, Mutter Deutschland, es ist unter Deinen Kindern heut­zutage von schicksalsentscheidender Wichtigkeit, daß alles Geschlechtliche jenseits der Heterosexualität, also des lang­weiligen Normalfalls, eine Vergottung erfährt, wobei meiner bescheidenen Meinung nach das gepflegte Kinderficken rät­selhafterweise immer noch stark benachteiligt wird. Aller­dings arbeiten die Grünen unermüdlich daran, die Öffentlich­keit mit dem Inzestverbot als etwas Gestrigem, Überholtem, ja irgendwie Rechtsradikalem (diesem Zauberwort werden wir in diesem Buch noch sehr oft begegnen) zu penetrieren, so daß eines nicht allzu fernen Tages der Papa hoffentlich und endlich die eigene Tochter knallen und die Mutter sich vom eigenen Sohn lecken lassen kann.”

Ob mal jemand dem Herrn Pirinçci stecken sollte, dass sich Mütter schon heute von ihren Söhnen lecken lassen dürfen? Nicht den Hauch einer Ahnung aber einen auf dicke Hose machen…

Mehr zum Thema:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/hammerharte-zensur-zdf-geht-hassprediger-pirinci-auf-den-leim/

http://www.queer.de/detail.php?article_id=21317

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Kann man in Deutschland zu seiner Sexualität stehen?

Das neue Jahr beginnt vielversprechend. Da outet sich mit Thomas Hitzlsperger der erste Profifußballer als schwul und durch Deutschland geht eine Welle der Toleranz. “Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen nur aus Angst vor Intoleranz” hieß es von Regierungssprecher Steffen Seibert. Keine Angst vor Intoleranz – das wäre schön. Wer den falschen Partner liebt, muss in Deutschland immer noch strafrechtliche Verfolgung befürchten. Es wäre schön, wenn den Worten des Regierungssprechers Taten folgen würden und tatsächlich niemand mehr Angst haben müsste, sich zu seiner Sexualität zu bekennen.

Ist es nicht paradox, dass in einer Gesellschaft, in der die Homosexualität weitgehend akzeptiert ist, einvernehmliche Liebesbeziehungen zwischen Blutsverwandten immer noch tabuisiert und sogar strafrechtlich verfolgt werden? Wie kommt es, dass Menschen, die absolut kein Problem damit haben, dass ihr Arbeitskollege, ihr Chef oder ihr Bruder schwul ist, mit Abscheu reagieren, wenn sie erfahren, dass ein Paar in ihrem Umfeld aus Halbgeschwistern besteht?

Was ist so besonders am Inzest, dass er immer noch tabuisiert wird, während die Homosexualität quasi schon im gesellschaftlichen Mainstream angekommen ist? Die Vermutung liegt nahe, dass dies mit der öffentlichen Wahrnehmung zusammen hängt. Inzestpaare werden öffentlich nicht wahr genommen, sie verstecken sich. Entweder verheimlichen sie ihre Liebesbeziehung oder sie verheimlichen den Umstand, dass sie Geschwister sind. Angesichts der drohenden Strafen durch § 173 StGB bleibt betroffenen Paaren auch nicht viel übrig. Das Schlagwort “Inzest” wird währenddessen von anderen Interessengruppen belegt. Auf der Webseite kinderqualen.de gibt es ein Kapitel über Inzest, in dem Inzest gleich im ersten Satz als “der sexuelle Missbrauch in der Familie” definiert wird. Fortan ist immer wieder von Inzest die Rede, aber nur im Zusammenhang von sexuellem Missbrauch in der Familie. Das sind die beiden Pole, zwischen denen sich Inzest in der öffentlichen Wahrnehmung bewegt: “Sexueller Missbrauch” und “in der Familie”. Im schlimmsten Fall handelt es sich um sexuellen Missbrauch, in weniger schlimmen Fällen immer noch um sexuelle Beziehungen innerhalb des vertrauten Familiengefüges, in dem sexuelle Kontakte tabu sind, weil sie Familie zerstören könnten.

Dass es inzestuöse Beziehungen gibt, die weder mit sexuellem Missbrauch, noch mit der Störung bestehender familiärer Strukturen etwas zu tun haben, ist ein Umstand, der in der öffentlichen Wahrnehmung offensichtlich noch nicht angekommen ist. Aber genau das ist in allen Berichten, die wir von Betroffenen kennen, immer wieder der Fall: Das Idealbild der “heilen Familie” war schon vorher gestört, darum kam es überhaupt erst dazu, dass die Betroffenen getrennt voneinander aufgewachsen sind und sich erst im Erwachsenenalter kennen gelernt haben.

Natürlich kann eine Inzestbeziehung, selbst wenn sie eine Familie nicht strukturell bedroht, ein Familiengefüge allein durch ihren skandalösen Charakter beeinträchtigen. Das setzt aber voraus, dass das Familiengefüge auf Vorstellungen beruht, die ohnehin durch unkonventionelle sexuelle Beziehungen beeinträchtigt wären. Ursache für so eine Störung könnte dann auch die homosexuelle Beziehungen eines Familienmitglieds sein. Ein derart konservatives Familienbild kann heute nicht mehr das Maß aller Dinge sein. In solchen Familien werden sicherlich auch schwule Fußballspieler als Skandal empfunden.

Also: Mißbrauch liegt nicht vor, jedenfalls nicht bei den Inzestpaaren, um die es hier geht. Familien wurden auch nicht zerstört. Was bleibt, sind einvernehmliche Liebesbeziehungen zwischen Menschen, denen man nicht erlaubt, selber zu entscheiden, mit wem sie ihr Leben verbringen möchten. So gesehen ist Inzest (die Form von Inzest, um die es hier geht) durchaus mit Homosexualität vergleichbar. Allerdings gibt es auch Unterschiede, die vor allem uns Betroffene vor große Herausforderungen stellen. Einvernehmliche Inzestbeziehungen sind weitaus seltener als Homosexualität. Wir Betroffenen stellen eine verschwindend kleine Minderheit dar. Aber wird sind als Gruppe nicht nur zu klein, um eine gesellschaftlich relevante Interessengruppe, Subkultur oder Lobby zu bilden, uns fehlt auch das identitätsstiftende Element. Viele Lesben und Schwule sehen ihre Homosexualität nicht nur als sexuelle Veranlagung, sondern als Teil ihrer persönlichen Identität und ihres kulturellen Selbstbewusstseins. Dieses selbstbewusste Auftreten hat auch dazu geführt, dass die öffentliche Wahrnehmung von Homosexualität sich geändert hat. Wenn man heute hört, dass jemand schwul ist, denkt man nicht mehr sofort daran, dass der als Mann Sex mit einem Mann hat, um dann als Heterosexueller die eigene Abscheu vor homosexuellen Handlungen auf diesen Menschen zu projizieren. Das Kino im Kopf spielt nicht mehr den Film “Stell Dir vor, du müsstest mit einem Mann Sex haben”, sondern eher “Ein Käfig voller Narren”, “Philadelphia”, “Brokeback Mountain” oder “Milk”. Oder man denkt daran, wie man auf der letzten Party zu YMCA oder Tainted Love getanzt hat.

Davon sind wir Inzestpaare weit entfernt.

Kalter Frühling in Paris

Ein paar unsortierte persönliche Gedanken unseres Autors Oliver zu den aktuellen Ereignissen in Frankreich, zum Wetter und über die Liebe.

Paris im Frühling
Paris im Frühling
Warum eigentlich nicht Paris? Raus aus Deutschland, raus aus der mitteldeutschen Provinz, raus aus dem Machtbereich des miefigen Paragraphen Hundertdreiundsiebzig. Es ist Frühling – und was kann der Stadt der Liebenden besseres passieren, als von Liebenden heimgesucht zu werden? Man entwickelt schon merkwürdige Phantasien, wenn das Strafrecht einem verbieten will, den Menschen zu lieben, den man eben liebt. Diese hier trieft geradezu vor Klischees. Ja klar, Paris würde uns mit offenen Armen aufnehmen. Einvernehmlicher Inzest unter Erwachsenen ist in Frankreich nicht verboten, aber ist das Klima dort wirklich so freundlich? Die Massenproteste gegen die Homo-Ehe wollen so gar nicht zum Bild der aufgeklärten “Grande Nation” passen. Ist das, was gerade in Frankreich passiert ein Ausnahmefall, oder könnte das auch in Deutschland passieren, wenn es endlich zur rechtlichen Gleichstellung “Eingetragener Lebenspartnerschaften” mit der Ehe kommt? Und was bedeutet das für uns Inzestpaare? Auch wenn es an unserer Situation nichts ändert, ist jeder Schritt in Richtung mehr Rechte für einvernehmliche Liebe für uns ein Hoffnungsschimmer. Und man fragt sich: Ist auch für uns mit der Einführung der Homo-Ehe in Frankreich der Frühling etwas greifbarer geworden, oder müssen wir uns doch auf einen längeren Winter einstellen?

Lang genug war der letzte Winter ja. Etwas zu lang und ich las viel, während ich auf den Frühling wartete. Ich las im Internet noch mal die Texte, die ich vor einigen Jahren gelesen hatte, nachdem eine neue Liebe mein bisheriges Leben auf den Kopf gestellt hatte. Man verliebt sich jenseits der 30 nicht jeden Tag, vor allem nicht in seine Halbschwester. Mir war von Anfang an klar, dass diese Liebe ungewöhnlich ist, aber was ich damals im Internet heraus fand, packte mich mit hilfloser Wut. Es ging um den Fall Patrick S., der wegen wiederholten Geschlechtsverkehrs mit seiner Schwester mehrfach zu längeren Haftstrafen verurteilt wurde. Sein Fall ging bis vor das Bundesverfassungsgericht, wo in einem höchst umstrittenen Urteil beschieden wurde, dass er zu Recht inhaftiert wurde. Ich hatte fast schon vergessen, wie wütend ich damals war, wie sehr mich dieses dumme Gesetz aufregte – und noch viel mehr regten mich die durchsichtigen Argumente der Befürworter dieses Verbots auf. Die Erinnerung mag übertrieben sein, aber ich sehe mein damaliges Ich, wie es mit geballter Faust in der Tasche durch die Straßen läuft und innerlich Brandreden gegen dieses dumme Gesetz, diesen dummen Staat und vor allem dieses völlig verkorkste Urteil des Bundesverfassungsgerichtes monologisiert. Das hielt aber nicht sehr lange an. Ich war frisch verliebt, es war Frühling und die lieblose graue Welt der Bürokraten war Universen weit entfernt.

Meine Wut verflog, aber die Liebe blieb. Eine Liebe, der viele keine große Zukunft prophezeit hatten. In der Literatur gehen Liebesbeziehungen zwischen Geschwistern immer übel aus. Das ist wohl eine der heiligen Regeln des literarischen Tabubruchs: Man darf alle Konventionen über den Haufen werfen, die sittliche Ordnung kräftig durcheinander bringen – aber am Ende wird gefälligst aufgeräumt! Die meisten literarischen Geschwisterpaare überleben diesen Ordnungswahn nicht. Wer nicht ins Wasser geht, stirbt an Schwindsucht oder einer anderen romantischen Krankheit. Die Autoren trifft keine Schuld. Eine glückliche Liebe ergibt keine gute Geschichte – ob nun mit oder ohne Inzest. Und das Publikum hat ja schließlich Erwartungen. Die Geschichte von Patrick S. und seiner Schwester Susann entspricht wohl eher diesen Erwartungen. Ihre Beziehung scheiterte, nachdem sie ihre Liebe jahrelang vor Behörden, Gerichten und der öffentlichen Meinung rechtfertigen mussten. Der Druck, der auf den beiden lastete, muss unvorstellbar gewesen sein.

Diesen Druck wollten wir uns nicht aussetzen, darum haben meine Halbschwester und ich zu Beginn unserer Beziehung entschieden, unsere Liebe so weit wie möglich geheim zu halten. Wir wollten uns nicht öffentlich rechtfertigen müssen. Wozu auch? Wir waren glücklich, das Thema “Inzestverbot” spielte in unserem Alltag keine Rolle und die familiären Wogen, die wir mit unserem “Outing” aufgewirbelt hatten, glätteten sich von Jahr zu Jahr immer mehr. Bis zu jenem Tag im Frühling, es war Anfang April und alle Nachrichtenagenturen meldeten, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Klage von Patrick S. zurück gewiesen hat. Das Thema Inzest – unser Thema? – war plötzlich wieder in den Medien – und in unserem Leben. Das war vor etwas mehr als einem Jahr. Meine Halbschwester beschloss spontan, dem Anwalt von Patrick S. eine E-Mail zu schreiben, um ihm für seine bisherige Arbeit zu danken und ihm Mut zu machen, in die Revision zu gehen, schließlich sind da draußen noch andere betroffene Paare – wie zum Beispiel wir – , die auf eine Änderung der Gesetzeslage hoffen. Wir haben eigentlich gar nicht mit einer Reaktion gerechnet, schließlich hat so ein Rechtsanwalt besseres zu tun, als “Fanpost” zu beantworten. Aber Rechtsanwalt Endrik Wilhelm hat noch am selben Tag geantwortet und uns Kontakte zu anderen betroffenen Paaren vermittelt. Das war für uns wie ein Weckruf: Wir sind nicht alleine, da draußen gibt es noch andere Paare. Lohnt es sich vielleicht doch zu kämpfen?

Unser Mut, doch etwas zu bewegen, entbrannte sich dann an der Nachricht, dass der Deutsche Ethikrat das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte begrüßt. Mit der tatkräftigen Unterstützung von Endrik Wilhelm schrieben wir Beschwerdebriefe an den Ethikrat. Dann ging alles ziemlich schnell. Als erstes stellte sich heraus, dass nicht der Ethikrat sich zum Inzestverbot geäußert hat, sondern die Presse die Privatmeinung des damaligen Vorsitzenden Edzard Schmidt-Jortzig als Ansicht des Ethikrates ausgegeben hat. Nachdem sich der Ethikrat neu konstituiert hatte, kam es zu einem ersten ‘inoffiziellen’ Treffen von Mitgliedern unserer Gruppe mit dem Ethikrat. Daraus folgte eine öffentliche Anhörung des Ethikrats zum Thema Inzestverbot im November 2012. Und dann war erst mal Stille. Der Winter kam und wollte nicht mehr gehen. Wir wollten trotzdem nicht tatenlos abwarten und beschlossen, eine Internetseite ins Netz zu stellen. Ich begann zu recherchieren und las noch einmal all die Artikel und Texte, die ich vor Jahren gelesen hatte und langsam kam die Wut wieder in mir hoch. Ich las das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes noch einmal und den Artikel “Das letzte Tabu” aus “”Der Zeit”. Dort las ich:

»Der Vorwurf besteht zu Recht«, sagt Patrick S. in seinem ersten Prozess am 23. April 2002, »ich habe damit kein Problem.« Das soll heißen, dass er die Anschuldigung akzeptiert, weil er zu seiner Schwester steht. Auf die Frage, ob er verstanden habe, warum einvernehmlicher Beischlaf zwischen Verwandten strafbar sei, antwortet er schlicht: »Nein.« Die Erläuterung des Richters ist leider nicht überliefert, aber das Gericht verhängt eine unverhältnismäßig hohe Bewährungsstrafe. Sie wird der Grundstein für eine harte Gefängnisstrafe. Im März 2003 gibt Patrick S. zu Protokoll: »Warum ich erneut mit ihr den Beischlaf vollzog, kann ich nicht sagen. Ich habe sie aber lieb.« Dass Naivität bestraft werden kann und die Strafe bei gewissen Delikten desto höher ausfällt, je ehrlicher der Beschuldigte aussagt, darüber ist dieser sich keineswegs im Klaren.

Ich las die Urteilsbegründung des Amtsgerichts Leipzig, in der Patrick S. zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt wurde. Darin steht, dass Patrick S. ja nun oft genug vom Gericht wegen seiner Straftaten ermahnt wurde, darum ist eine Haftstrafe jetzt unumgänglich. Ich lese das und sehe mich selber an Patrick S. Stelle auf der Anklagebank sitzen. Ich bin nicht besser als er. Ich weiß, dass Inzest verboten ist, ich bin deutlich genug vorgewarnt worden – aber ich sehe abslolut keinen Grund, mit meinem “schändlichen Tun” aufzuhören. Aber dort steht es Schwarz auf Weiß: Jedes Mal, wenn ich mit der Frau, die ich liebe und die mich liebt, schlafe, begehe ich eine Straftat und dadurch, dass ich es wohl wissend tue, mache ich rechtlich gesehen alles noch schlimmer.

Es war bestimmt ein ganz langer Winter, durch den Patrick S. musste, bis er auch nur den Schimmer einer Hoffnung auf Frühling sehen durfte. Die Liebe zu seiner Schwester ist Vergangenheit, er lebt jetzt laut Medienberichten in einer neuen Beziehung. Was die Zukunft für uns andere Geschwisterpaare bringt, ist schwer zu sagen. Mitglieder des Ethikrates haben angekündigt, dass der Ethikrat eine Stellungnahme veröffentlicht, in der empfohlen wird, das Inzestverbot zu kippen. Das ist ein leiser Hoffnungsschimmer, aber wirklich nur ein ganz leiser. Gedämpft wird er zusätzlich durch Entwicklungen in Frankreich in diesem Frühjahr, die kaum nachvollziehbar sind. Die heftigen Proteste in Frankreich, diese Wut gegen ein eigentlich längst begrabenes Tabu. Der kommt nicht nur aus erzkonservativen, ultrareligiösen und extrem rechten Kreisen, sondern auch von jungen, scheinbar aufgeklärten Menschen aus gebildeten Schichten. Begründet wird dieser Furor mit dem Schutz der Familie, der Kinder und der Ehe als naturrechtliche Institution. Ein häufig genanntes Argument in dieser völlig konfusen Debatte ist, dass nach der Einführung der Homo-Ehe als nächstes die Abschaffung des Inzestverbotes gefordert wird. Hallo, liebe Franzosen: Bei Euch ist Inzest seit 1810 nicht mehr strafbar. Er ist auch nach der Reform von 2010 nicht per se strafbar, sondern nur als erschwerender Umstand bei sexuellem Missbrauch zugelassen worden.

Ist unsere Gesellschaft wirklich schon dort angekommen, wo wir sie vermuten? Ist die Ablehnung der Homosexualität ein Thema von Gestern, das nur noch in den Köpfen einiger vereinzelter Vorgestriger herumspukt? Oder gärt da doch heimlich ein Aufschrei gegen Schwule und Lesben und ihren Wunsch, das traditionelle Ehe- und Familienverständnis um ein paar neue Farbtupfer zu erweitern? Ist die breite Öffentlichkeit wirklich überzeugt oder wurde sie überrannt und wartet nur auf eine Gelegenheit, um endlich wieder für Sitte und Moral zu sorgen?

Ich stecke da irgendwie mittendrin und dann doch wieder nicht. Wenn ich mit meiner Lebenspartnerin an der Käsetheke stehe, schaut uns die Verkäuferin nicht schief an. Sie sagt “Ich habe gerade ihrer Frau diesen Beaumont empfohlen.” Ich denke in solchen Momenten “Wenn Du wüsstest…” Und hinterher freuen wir uns beide immer diebisch, dass man uns für ein Ehepaar gehalten hat. Das ist wie ein kleiner Frühling im Winter. Und es muss ja nicht unbedingt Paris sein.