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Kann man in Deutschland zu seiner Sexualität stehen?

Das neue Jahr beginnt vielversprechend. Da outet sich mit Thomas Hitzlsperger der erste Profifußballer als schwul und durch Deutschland geht eine Welle der Toleranz. “Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen nur aus Angst vor Intoleranz” hieß es von Regierungssprecher Steffen Seibert. Keine Angst vor Intoleranz – das wäre schön. Wer den falschen Partner liebt, muss in Deutschland immer noch strafrechtliche Verfolgung befürchten. Es wäre schön, wenn den Worten des Regierungssprechers Taten folgen würden und tatsächlich niemand mehr Angst haben müsste, sich zu seiner Sexualität zu bekennen.

Ist es nicht paradox, dass in einer Gesellschaft, in der die Homosexualität weitgehend akzeptiert ist, einvernehmliche Liebesbeziehungen zwischen Blutsverwandten immer noch tabuisiert und sogar strafrechtlich verfolgt werden? Wie kommt es, dass Menschen, die absolut kein Problem damit haben, dass ihr Arbeitskollege, ihr Chef oder ihr Bruder schwul ist, mit Abscheu reagieren, wenn sie erfahren, dass ein Paar in ihrem Umfeld aus Halbgeschwistern besteht?

Was ist so besonders am Inzest, dass er immer noch tabuisiert wird, während die Homosexualität quasi schon im gesellschaftlichen Mainstream angekommen ist? Die Vermutung liegt nahe, dass dies mit der öffentlichen Wahrnehmung zusammen hängt. Inzestpaare werden öffentlich nicht wahr genommen, sie verstecken sich. Entweder verheimlichen sie ihre Liebesbeziehung oder sie verheimlichen den Umstand, dass sie Geschwister sind. Angesichts der drohenden Strafen durch § 173 StGB bleibt betroffenen Paaren auch nicht viel übrig. Das Schlagwort “Inzest” wird währenddessen von anderen Interessengruppen belegt. Auf der Webseite kinderqualen.de gibt es ein Kapitel über Inzest, in dem Inzest gleich im ersten Satz als “der sexuelle Missbrauch in der Familie” definiert wird. Fortan ist immer wieder von Inzest die Rede, aber nur im Zusammenhang von sexuellem Missbrauch in der Familie. Das sind die beiden Pole, zwischen denen sich Inzest in der öffentlichen Wahrnehmung bewegt: “Sexueller Missbrauch” und “in der Familie”. Im schlimmsten Fall handelt es sich um sexuellen Missbrauch, in weniger schlimmen Fällen immer noch um sexuelle Beziehungen innerhalb des vertrauten Familiengefüges, in dem sexuelle Kontakte tabu sind, weil sie Familie zerstören könnten.

Dass es inzestuöse Beziehungen gibt, die weder mit sexuellem Missbrauch, noch mit der Störung bestehender familiärer Strukturen etwas zu tun haben, ist ein Umstand, der in der öffentlichen Wahrnehmung offensichtlich noch nicht angekommen ist. Aber genau das ist in allen Berichten, die wir von Betroffenen kennen, immer wieder der Fall: Das Idealbild der “heilen Familie” war schon vorher gestört, darum kam es überhaupt erst dazu, dass die Betroffenen getrennt voneinander aufgewachsen sind und sich erst im Erwachsenenalter kennen gelernt haben.

Natürlich kann eine Inzestbeziehung, selbst wenn sie eine Familie nicht strukturell bedroht, ein Familiengefüge allein durch ihren skandalösen Charakter beeinträchtigen. Das setzt aber voraus, dass das Familiengefüge auf Vorstellungen beruht, die ohnehin durch unkonventionelle sexuelle Beziehungen beeinträchtigt wären. Ursache für so eine Störung könnte dann auch die homosexuelle Beziehungen eines Familienmitglieds sein. Ein derart konservatives Familienbild kann heute nicht mehr das Maß aller Dinge sein. In solchen Familien werden sicherlich auch schwule Fußballspieler als Skandal empfunden.

Also: Mißbrauch liegt nicht vor, jedenfalls nicht bei den Inzestpaaren, um die es hier geht. Familien wurden auch nicht zerstört. Was bleibt, sind einvernehmliche Liebesbeziehungen zwischen Menschen, denen man nicht erlaubt, selber zu entscheiden, mit wem sie ihr Leben verbringen möchten. So gesehen ist Inzest (die Form von Inzest, um die es hier geht) durchaus mit Homosexualität vergleichbar. Allerdings gibt es auch Unterschiede, die vor allem uns Betroffene vor große Herausforderungen stellen. Einvernehmliche Inzestbeziehungen sind weitaus seltener als Homosexualität. Wir Betroffenen stellen eine verschwindend kleine Minderheit dar. Aber wird sind als Gruppe nicht nur zu klein, um eine gesellschaftlich relevante Interessengruppe, Subkultur oder Lobby zu bilden, uns fehlt auch das identitätsstiftende Element. Viele Lesben und Schwule sehen ihre Homosexualität nicht nur als sexuelle Veranlagung, sondern als Teil ihrer persönlichen Identität und ihres kulturellen Selbstbewusstseins. Dieses selbstbewusste Auftreten hat auch dazu geführt, dass die öffentliche Wahrnehmung von Homosexualität sich geändert hat. Wenn man heute hört, dass jemand schwul ist, denkt man nicht mehr sofort daran, dass der als Mann Sex mit einem Mann hat, um dann als Heterosexueller die eigene Abscheu vor homosexuellen Handlungen auf diesen Menschen zu projizieren. Das Kino im Kopf spielt nicht mehr den Film “Stell Dir vor, du müsstest mit einem Mann Sex haben”, sondern eher “Ein Käfig voller Narren”, “Philadelphia”, “Brokeback Mountain” oder “Milk”. Oder man denkt daran, wie man auf der letzten Party zu YMCA oder Tainted Love getanzt hat.

Davon sind wir Inzestpaare weit entfernt.