Schlagwort-Archiv: Inzestscheu

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Frauenzimmer? Mannomann…

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Quelle: Salvor | Wikipedia

Über einen “bizzarren Inzestfall” berichtet die von VOX betriebene Internetseite frauenzimmer.de. Es ist nachvollziehbar, dass eine Liebesbeziehung zwischen Mutter und Sohn viele an ihre Toleranzgrenze bringt. Entsprechend abwertend fallen daher auch die Kommentare der User aus. Aber der sensible Umgang mit heiklen Themen scheint bei frauenzimmer.de ohnehin nicht auf der Agenda zu stehen, wie man schnell feststellt, wenn man sich die anderen Beiträge zum Thema “Inzest” dort anschaut, z.B. Inzest: Liebe und Sex unter Verwandten erlauben?

Mit natürlicher Inzestscheu allein sind der plumpe Artikel und die noch plumperen Reaktionen der User nicht mehr zu erklären. Was einem da in der ansonsten so rosa plüschigen und fluffigen Welt der modernen Frauenzimmer begegnet, ist mehr als Scheu, das ist purer Hass und abgrundtiefer Ekel. Was haben wir diesen Menschen nur angetan?

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Inzest? Igitt! Wie kann man nur?

Ekel, Panik, Inzestscheu – aber warum eigentlich?

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Quelle: Lies Thru a Lens | Wikipedia

Wie bekloppt muss man eigentlich sein, um sich in seine Schwester oder seinen Bruder zu verlieben? Ich bin mir sicher, dass viele, die sich auf unsere Seite verirrt haben, sich diese oder ähnliche Fragen stellen. Irgendetwas mit uns Betroffenen muss ja wohl nicht stimmen, dass wir uns auf Beziehungen einlassen, die man bei gesundem Menschenverstand nur als krank, abartig und völlig wider die Natur bezeichnen kann. Was für ein verdrehtes Gefühlsleben muss jemand haben, der auf Sex mit Blutsverwandten steht? Da schüttelt sich doch jeder normal empfindende Mensch vor Ekel. Das ist doch einfach nur krank.

Ich kann verstehen, dass man das so sieht. Vor ein paar Jahren hätte ich das wohl nicht anders gesehen. Ich habe mich nie intensiv mit dem Thema Inzest beschäftigt, weil ich nie auf die Idee gekommen wäre, dass mich das Thema in irgend einer Form betreffen könnte. Wenn ich damals in der Presse oder im Fernsehen was über Inzestfälle gehört habe – z.B. den Fall von Patrick S. und Susann K. aus Leipzig – dann registrierte ich das mit distanzierter Abscheu und dem mitleidigen Desinteresse desjenigen, dem so etwas ja nie selber passieren könnte. “Arme Schweine” dachte ich – und beschäftige mich dann mit etwas anderem.

Ich hatte Geschwister, mit denen ich zusammen aufgewachsen bin und die für mich als Sexualpartner absolut nicht in Betracht kamen. Niemals! Auf keinen Fall! Igitt! Wie kann man nur? Es geht hier gar nicht darum, diejenigen, die Inzestscheu gegenüber ihren Geschwistern, Eltern, Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten usw. haben, zu verdammen. Es geht hier auch nicht darum, Inzest als neues Beziehungsmodell zu etablieren, mit dem die natürliche Inzestscheu und der Ekel vor Sex mit nahen Verwandten als niedere Motive einer überkommen Sexualmoral diskreditiert werden sollen. Es ist völlig normal und überhaupt nicht verwerflich, beim Gedanken an Sex mit Bruder und Schwester Scheu oder Ekel zu empfinden.

Es ist aber auch normal, wenn man in ganz bestimmten Situationen, die eben nicht ganz so normal sind, völlig anders empfindet. Das passiert zum Beispiel dann, wenn man als erwachsener Mensch zum ersten Mal seinem Halbbruder oder seiner Halbschwester begegnet. Wer das noch nie erlebt hat, kann vielleicht gar nicht nachvollziehen, was für ein merkwürdiges Gefühl das ist. Man trifft auf einen wildfremden Menschen, der einem dennoch sofort vertraut ist.

Die Wissenschaft hat sich mit diesem Phänomen schon beschäftigt und es gibt mehrere Erklärungsansätze für das Phänomen, dass die natürliche Inzestscheu nicht greift, wenn sich z.B. Halbgeschwister im Erwachsenenalter begegnen. Aber darum soll es an dieser Stelle nicht gehen, das wird hier auf hundertdreiundsiebzig.de noch oft genug Thema sein.

Ja, wir sind ein bisschen bekloppt. So wie alle Verliebten ein wenig bekloppt sind. Vielleicht sind wir auch einen Hauch bekloppter als andere, weil wir für unsere Liebe ein nicht unerhebliches Risiko auf uns nehmen. Aber diesem Risiko sind wir uns bewusst. Wir wissen auch, dass viele unsere Beziehungen für krank und falsch halten. Aber was sollen wir mit solchen Vorwürfen anfangen, wenn wir selber das Gefühl haben, unser Lebensglück gefunden zu haben? Wir sind glücklich. Wir schaden uns nicht und auch sonst keinem? Warum sollten wir dieses Glück aufgeben, nur weil andere Menschen es nicht verstehen?

Argumente gegen ein totales Inzestverbot

Fünf Argumente gegen ein totales Inzestverbot präsentiert der Philosophiestudent Henry Keuschgarten in seinem Blog. Leider scheint der Autor von der strengen Logik seiner Argumente selber überrascht und schreibt in seinem Fazit:

“Auch ich würde instinktiv wahrscheinlich angeekelt reagieren, wenn ein turtelndes Geschwisterpaar vor mir stehen würde. Und gerade deshalb beweist die Kontroverse um das absolute Inzestverbot, dass die Vernunft in unserer Gesellschaft oft nicht die einzige bzw. wichtigste Entscheidungsgrundlage ist.”

Der Widerspruch zwischen der Vernunft und dem unangenehmen Bauchgefühl beim Thema Inzest lässt sich auflösen, wenn man sich einmal unvoreingenommen mit dem Thema Inzestscheu beschäftigt.

7. § 173 StGB verbietet ein falsch verstandenes Tabu

Das Festhalten am Inzestverbot wird immer wieder damit begründet, dass Inzest ein althergebrachtes Tabu sei, das tief in der gesellschaftlichen Moral verankert sei. Das klingt ja zunächst mal plausibel. Inzest ist tabu, also praktizieren wir das besser nicht – besser noch, wir verbieten es. Ist ja auch logisch. Die Mehrheit der Bevölkerung findet Inzest abstoßend und ekelhaft, also brauchen wir unbedingt ein Gesetz, das Inzest verbietet. Und zwar eines, das Inzest selbst dann verbietet, wenn er niemanden schadet und wenn er unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt findet. Inzest ist einfach krank, abartig und gehört verboten. Basta!

Aber was wird da eigentlich tabuisiert? Was ist mit der ominösen Dunkelziffer und dem heimlichen Inzest? Was ist mit den Paaren, die unerkannt unter unbescholtenen Bürgern leben und verschweigen, dass sie eigentlich Inzestpaare sind? Niemand käme auf die Idee, bei denen etwas so abartiges wie Inzest zu erwarten. Dass eines der Paare, die RTL kürzlich zu “7 Tagen Sex” verdonnerte, ein Halbgeschwisterpaar war, übertraf jedenfalls schlichtweg die Vorstellungskraft der Produzenten. Wie kann das passieren? Wenn Inzest derart abartig und ekelhaft ist, wie kann ein ganzes Fernsehteam mit einem Inzestpaar über Wochen oder Monate zusammen arbeiten und nichts, aber auch überhaupt nichts bemerken?

Woran das liegt? Weil die Sache an sich völlig unspektakulär ist. Geschwister oder Halbgeschwister, die eine heimliche Inzestbeziehung führen, unterscheiden sich für Außenstehende nicht von anderen Paaren. Es riecht nicht nach Schwefel, wenn sie sich küssen und es tut sich auch nicht die Hölle unter ihnen auf, wenn sie Händchen haltend durch die Straßen laufen. Wer nicht weiß, dass es sich um Geschwister oder Halbgeschwister handelt, wird sie so wahr nehmen, wie er jedes Paar wahr nimmt. Dieses Bild verlangt nach einer Dramatisierung: Der inzestscheue Betrachter sieht dem Unheil direkt ins Auge, er sieht Bruder und Schwester in einer Situation, die eindeutiger nicht sein könnte, aber er ahnt nichts Böses. Wie kann das sein? Wie kann sich ein derart eklatanter Tabubruch so einfach im Alltag verlieren? Weil der Schalter für das Kopfkino noch nicht umgelegt wurde. Dafür braucht es das eindeutige Signal “Achtung: Inzest!”

Wenn das Kopfkino erst mal angelaufen ist, fühlt sich der Betroffene ins Bild gesetzt, aber er merkt nicht, dass er im falschen Film ist. Denn er sieht nicht mehr, was er vorher gesehen hat – ein Paar, das sich liebt – er sieht nur noch das, was er auf dieses Paar projiziert: Er sieht sich beim Sex mit einem Blutsverwandten und fühlt sich mies. Genau so fühlen sich extreme Gegner der Homosexualität, wenn sie über homosexuelle Paare nachdenken. Sie sehen nicht zwei Menschen, die sich lieben und ihr Leben miteinander teilen wollen. Sie sehen nur einen sexuellen Akt, den sie für sich selber abstoßend finden, also muss der Rest der Menschheit Ihr Urteil teilen.

Dabei verdanken wir alle einem Vorgang unser Leben, den die wenigsten in ihrem Kopfkino sehen möchten: Oder stellen Sie sich gerne Ihre Eltern beim Sex vor?