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Frankreich beschließt endgültig die Homo-Ehe

Das in Frankreich höchst umstrittene Gesetz zur Legalisierung der Homo-Ehe hat endgültig das Parlament passiert. Die von den Sozialisten dominierte Nationalversammlung bewilligte das Projekt von Präsident François Hollande am Dienstag wie erwartet auch in der zweiten Lesung.
— Quelle: rp-online.de

Zitat daraus zum Thema Inzestverbot:

Religiöse Kritiker sehen die Homo-Ehe als Einfallstor zu tiefgreifendem Sittenverfall. “Später werden sie Dreier- oder Viererpaare bilden wollen. Danach wird vielleicht eines Tages das Inzest-Verbot fallen”, warnt der französische Kardinal Philippe Barbarin. Die Muslime-Union UOIF geht noch weiter und fragt: “Wer wird im Namen der sakrosankten Liebe dann noch Geschlechtsverkehr mit Tieren die Legitimität (…) absprechen können?”

Die Gefängniszelle als Schutzraum der Zivilisation

Prison_cell,_Fort_LeavenworthVor etwas mehr als einem Jahr hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Klage von Patrick S. zurück gewiesen, der mehrfach wegen Inzests mit seiner Schwester zu Haftstrafen veurteilt wurde. Patrick S. hatte bis dahin schon mehr als drei Jahre im Gefängnis verbracht. Drei Jahre, in denen er sich sich als “Perverser” in der gnadenlosen Hierarchie des Knastes bewähren musste. Er wurde mehrfach verprügelt, suchte die Isolation und musste sogar wegen akuter Suizidgefahr ins Haftkrankenhaus verlegt werden.

Man kann nur spekulieren, was Deniz Yücel von der linksalternativen taz dazu veranlasst hat, im inszenierten Debattierclub die Rolle des Verbotsbefürworters zu übernehmen. Hat er eine redaktionsinterne Wette verloren? Lockte ihn die Versuchung, möglichst rational und klug klingende Argumente für einen hoffnungsvoll irrationalen Standpunkt zu formulieren? Oder meinte er das wirklich ernst?

“Das Beste an der Debatte ist die Debatte:” beginnt Yücel sein Plädoyer für das Inzestverbot.”Wenn selbst die älteste zivilisatorische Norm vor Gericht verhandelt und öffentlich diskutiert werden kann, zeigt dies einen gesellschaftlichen Fortschritt an”. Das wäre ein schöner Einstieg, wenn er denn ernst gemeint wäre und dahinter ein tatsächliches Bekenntnis zu einer ergebnisoffenen Debattierkultur stünde. Aber man muss Yücel hier wohl wortwörtlich verstehen: Das Beste an der Debatte ist die Debatte, nicht das, was aus ihr folgen könnte. Denn ein aufklärerischer Akt bleibt die Prüfung eines Verbots laut Yücels Worten nur, solange man nicht hinter alt hergebrachte Tabus zurückfällt:

” (..) ein aufklärerischer Akt bleibt dies nur, solange man nicht hinter das zurückfällt, was Moses, Solon und etliche namenlose Priesterinnen und Häuptlinge in allen Kontinenten wussten: Bruder und Schwester sind tabu, ebenso wie Sohn und Tochter, Vater und Mutter.”

Yücel war immerhin so klug als archaischen Gewährsmann Moses und nicht Abraham zu nennen, der ja seine Urvaterschaft der abrahamitischen Religionen der inzestuösen Beziehung zu seiner Halbschwester Sara verdankt.

Der Mittelteil von Yücels Erörterung ist argumentativ nicht weiter relevant. Ein bisschen Freud hier, eine Prise Lévi-Strauss da und der obligatorische Schluck aus der Essigflasche antiker Mythen. Alles garniert mit würzig-modernen Schlagworten wie “erste zivilisatorische Leistung” und “Kommunikation, Mobilität, Fortschritt”. Auch der Verweis auf sexuellen Missbrauch in der Familie darf nicht fehlen – mit der Keule kann man ja immer punkten. Ansonsten bleiben Yücels Ausführungen aber zunächst eher schwammig. Die Erklärung dafür, was z.B. Claude Lévi-Strauss damit gemeint hat, als er das Inzestverbot als “Voraussetzung von Gesellschaftlichkeit” bezeichnet hat, bleibt Deniz Yücel schuldig. Dabei wäre das wirklich ein guter Ansatz für eine aufgeklärte Diskussion über das Thema Inzest – womit die Inzesttheorie von Lévi-Strauss jetzt ganz offiziell auf unserer Agenda steht.

Wirklich zur Sache kommt Yücel erst zum Schluss. Er befürwortet das Inzestverbot, weil es das Gebot zur “Weltoffenheit” beinhaltet; weil es den Menschen dazu verpflichtet, seinem eigenen Saft zu entsteigen, sein eigenes Kaff hinter sich zu lassen. Das ist unbestritten eine zivilisatorische Errungenschaft. Aber begründet man damit ein strafrechtliches Verbot? Ist es gerechtfertigt, dass Patrick S. mehr als drei Jahre seines Lebens im Gefängnis verbringen musste, weil es wünschenswert ist, dass junge Menschen in die Welt hinaus ziehen und ihr Glück jenseits eingefahrener Gleise suchen? Und was ist mit denen, die in die Welt hinaus ziehen und sich in der Fremde in ihre Geschwister oder Halbgeschwister verlieben? Das mag selten vorkommen, aber es kommt vor. Darum ist auch Yücels Fazit für uns Betroffene so schwer zu ertragen: “Es geht um eine zivilisatorische Norm. Weniger prätentiös formuliert: Milliarden Menschen bieten eine wunderbare Auswahl, warum sollte man mit seinen Geschwistern ins Bett?”

Das ist die Frage eines Menschen, der sich offensichtlich nie dafür rechtfertigen musste, wen er liebt und mit wem er ins Bett geht. Milliarden Frauen bieten eine wunderbare Auswahl, warum sollte ein Mann mit einem anderen Mann ins Bett gehen? Patrick S. hat für seine Liebe zu seiner Schwester mehr als drei Jahre im Gefängnis verbracht. Deniz Yücel hält das offensichtlich für eine angemessene Strafe für eine Liebe, die nicht in sein Weltbild passt. “Bruder und Schwester sind tabu” aber drei Jahre Knast für eine Liebe, die Deniz Yücel nicht ins Konzept passt, die sind ok. Aber wir haben ja darüber geredet, damit ist alles geklärt. Das Beste an der Debatte ist ja die Debatte.