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3. § 173 StGB schützt nicht vor sexuellem Missbrauch

Wenn von Inzest die Rede ist, liegt die Assoziation mit sexuellem Missbrauch oft nicht fern. Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe, denn viele Fälle von sexuellem Missbrauch finden innerhalb von Familien statt und gehen daher mit Inzest einher. Die Angst, dass mit einer Abschaffung des Inzestverbotes auch sexueller Missbrauch legalisiert würde, ist jedoch unbegründet. Das Inzestverbot dient gar nicht dem Zweck sexuellen Missbrauch zu verhindern.

Der Schutz der sexuellen Selbstbestimmung, speziell von Kindern und Heranwachsenden gegenüber sexuellen Übergriffen psychisch und physisch überlegener Familienmitglieder, ist ein wichtiges und auch für uns nicht hinterfragbares Rechtsgut. Daran wollen wir aber auch gar nicht rütteln. Wir wollen für die gesellschaftliche Akzeptanz von Liebesbeziehungen zwischen Blutsverwandten werben, die mit sexuellem Missbrauch nichts, aber auch überhaupt gar nichts gemeinsam haben.

Uns ist natürlich klar, dass wir damit ein Tabu brechen und gegen heftigen Widerstand und auch tief verankerte Moralvorstellungen ankämpfen. Für viele ist Inzest immer noch ein “Igitt-Thema”. So mancher, der diese Zeilen liest, wird uns Betroffene für krank oder gestört halten. Wir kennen die Vorurteile. Wir kennen sie vielleicht sogar besser, als jeder andere, denn wir haben uns nicht bewusst dazu entschieden, eine inzestuöse Beziehung einzugehen. Das ist uns einfach passiert. Und wir bereuen nicht, was da passiert ist.

Wir stehen hier gerade erst am Anfang und wir wissen, dass wir noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten haben, um für Akzeptanz für unsere ungewöhnlichen, aber glücklichen und einvernehmlichen Liebesbeziehungen zu werben. Es wäre ein guter Anfang, wenn man unsere Liebesbeziehungen gesellschaftlich als Liebesbeziehungen akzeptieren und nicht eine Schublade mit sexuellem Missbrauch stecken würde.

6. § 173 StGB schützt nicht, was er vorgibt zu schützen

Eines der häufigsten Argumente für die Beibehaltung des Inzestverbots ist der Schutz der Familie. Dieses Argument beruht in vielerlei Hinsicht auf falschen Annahmen. Diese folgen meist auf naheliegenden Missverständnissen, die sich leicht aus dem Weg räumen lassen. Das wohl größte Missverständnis ist, dass Inzest immer innerhalb von Familien statt findet. Dieser Trugschluss liegt nahe, wird doch Inzest als sexuelle Beziehung zwischen Blutsverwandten definiert. Nur ist der Umkehrschluss “Weil es sich um Blutsverwandte handelt, findet Inzest innerhalb von Familien statt” oft falsch. Bestes Beispiel sind die Nachkommen eines Samenspenders. Hier handelt es sich um Blutsverwandte, um Halbgeschwister, aber nicht unbedingt um Mitglieder der gleichen Familie. Wesentlich häufiger sind Fälle von Halbgeschwistern, die aus unterschiedlichen Beziehungen eines Elternteils stammen, nicht gemeinsam aufgewachsen sind und sich erst im Erwachsenenalter kennen gelernt haben. Wenn es hier zu einer Beziehung kommt, findet die nicht innerhalb einer Familie statt. Es gibt keine Familienstrukturen, die eine Inzestbeziehung in solchen Fällen zerstören könnte. Daher ist auch nicht nachvollziehbar, warum man die Betroffenen unter dem vermeintlichen Schutz der Familie mit dem Strafrecht droht. § 173 StGB bewirkt in solchen Fällen eher das Gegenteil: Er bedroht einvernehmliche Liebesbeziehungen, also das, was die Betroffenen als ihre Familie empfinden. § 173 StGB schützt nicht Familien, er zerstört sie.

Was ist, wenn Inzest doch innerhalb einer Familie vorkommt? Würde eine Abschaffung des Inzestverbots nicht Tür und Tor für jede Form von sexuellen Missbrauchs in Familien öffnen?

Klare Antwort: Nein. Dafür gibt es Gesetze, die weitaus mehr Fälle von Missbrauch innerhalb der Familie abdecken und diese auch wesentlich härter bestrafen. Wenn Väter ihre Söhne sexuell missbrauchen, wenn ein Bruder seine jüngere Schwester zum Oralverkehr zwingt, wenn der 16jährige Bruder mit seiner 14jährigen Schwester schläft – in all diesen Fällen kommt § 173 StGB überhaupt nicht zur Anwendung.

Welche falschen Vorstellungen über die Schutzwirkung des Inzestverbots bei vielen vorherrschen, zeigt dieser Blog-Beitrag einer Mutter:

Und das ist meine Meinung, Geschwister dürfen nicht, genausowenig wie Eltern mit ihren Kindern… Und ich mache riesige Unterschiede, denn gegen Schwule oder Lesben habe ich absolut nichts, und ich hätte auch kein Problem damit, wenn einer meiner Söhne irgendwann zu mir sagen würde, er wäre schwul oder würde einen Mann lieben, aber ich hätte ein Problem damit, wenn er seinen Bruder “sexuell” lieben würde… das ist für mich ein riesen grosser Unterschied…

Brüder dürfen schon heute schwule Inzestbeziehungen führen, davor schützt auch das Inzestverbot nicht, denn das bestraft nur den vaginalen Geschlechtsverkehr.